Mit einer bewegenden Lesung des Theaterstücks „Das Boot ist voll“ von Antonio Umberto Ricco, eindrucksvoll inszeniert vom Spielkreis Theater Hannover, begann die Veranstaltung zum Weltflüchtlingstag 2026 in Magdeburg. Das Stück erzählt von Flucht, Verlust, Hoffnung und Ankommen – und vor allem von Menschen. Menschen mit Geschichten, Träumen und Brüchen. Menschen, die in politischen Debatten oft auf Zahlen, Schlagzeilen oder Schlagworte reduziert werden.
Viele der Besucherinnen und Besucher verließen die Lesung sichtlich bewegt. Die anschließende Podiumsdiskussion knüpfte daran an und fragte nach den Ursachen von Flucht, nach globaler Verantwortung und nach den politischen Konsequenzen, die daraus folgen müssen.
Auf dem Podium diskutierten Dr. Winfried Kluth, Vorstand des Sachverständigenrats für Migration und Integration, Mamad Mohammad, Landesverband der MigrantInnenorganisationen, Saeeid Saaeid, Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt, Peter Emorinken Donatus, Journalist und umweltpolitischer Aktivist, und Antonio Umberto Ricco. Dabei ging es nicht nur um individuelle Fluchtgeschichten, sondern um die strukturellen Bedingungen, die Menschen überhaupt erst dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen.
Besonders eindrücklich formulierte es Peter Emorinken Donatus: „Es ist, als würde man jemanden schlagen und anschließend fragen: Warum weinst du?“
Mit diesem Bild beschrieb er die Rolle des Globalen Nordens bei der Entstehung vieler Fluchtursachen. Rohstoffausbeutung, unfaire Handelsbeziehungen, Umweltzerstörung, Klimakrise und politische Einflussnahme zerstören in vielen Regionen der Welt Lebensgrundlagen. Wenn Menschen anschließend versuchen, an einem anderen Ort Sicherheit oder Zukunftsperspektiven zu finden, wird oft über die Folgen diskutiert – aber selten über die Ursachen.
Dabei wurde auch deutlich, dass die in der Genfer Flüchtlingskonvention definierten Fluchtgründe nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Realitäten abbilden. Die Konvention entstand vor 75 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem vor dem Hintergrund europäischer Fluchterfahrungen. Menschen, die heute vor den Folgen von Umweltzerstörung, Klimawandel, Landraub oder wirtschaftlicher Verelendung fliehen, finden darin häufig keinen angemessenen Schutz.
Gerade diese Menschen werden in politischen Debatten oft als „Wirtschaftsflüchtlinge“ diffamiert. Dabei wird selten gefragt, wer die wirtschaftlichen Bedingungen geschaffen hat, die Menschen zur Flucht zwingen. Die größte Fluchtursache weltweit ist längst nicht mehr allein Krieg. Es ist zunehmend die Zerstörung von Lebensgrundlagen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Frage, wie gesellschaftliche Veränderungen überhaupt gelingen können. Peter Emorinken Donatus beschrieb dafür drei zentrale Säulen: Aktivismus, Interessenvertretung und Politik, begleitet von Wissenschaft und Medien. Veränderung entsteht dort, wo Menschen Missstände benennen, ihre Interessen organisieren und politische Entscheidungen einfordern.
Umso bemerkenswerter war, wer an diesem Abend fehlte.
Trotz zahlreicher Einladungen blieben Vertreterinnen und Vertreter der Landespolitik ebenso fern wie die Medien. Ausgerechnet am Weltflüchtlingstag. Ausgerechnet in einem Wahljahr, in dem Migration erneut zur politischen Zielscheibe erklärt wird.
Vielleicht hätte man den Menschen, die an diesem Abend ihre Geschichten teilten, einfach einmal sagen können:
Ihr seid willkommen. Ihr werdet gebraucht. Ihr seid mehr als die Karikaturen, die Rechtsextreme von euch zeichnen.
Denn die Realität in Sachsen-Anhalt sieht anders aus als viele Wahlkampfreden suggerieren. Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Sie fahren Busse, bauen Häuser, stehen in Hotelküchen, halten Unternehmen am Laufen und sichern die Versorgung einer alternden Gesellschaft.
Wer pflegt unsere Eltern? Wer arbeitet in den Krankenhäusern? Wer fährt unsere Busse? Wer steht auf Baustellen, in Hotels und Betrieben?
Die Antwort ist offensichtlich. Dennoch fehlt oft der politische Mut, dies auch öffentlich auszusprechen.
Während über Abschottung, Zurückweisungen und „Remigration“ diskutiert wird, verliert Sachsen-Anhalt jedes Jahr Menschen, die es dringend braucht. Nicht weil zu viele kommen. Sondern weil zu viele gehen – oder gar nicht erst bleiben wollen.
Die Veranstaltung machte deutlich: Flucht ist keine abstrakte Zahl. Migration ist keine Krise, sondern eine Realität menschlicher Geschichte. Menschen verlassen ihre Heimat nicht leichtfertig. Sie gehen, wenn Krieg, Verfolgung, Armut, Umweltzerstörung oder Perspektivlosigkeit ihnen keine andere Wahl lassen.
Viele dieser Ursachen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie hängen mit globalen Machtverhältnissen, Ressourcenverbrauch, Waffenexporten, Klimapolitik und wirtschaftlichen Interessen zusammen – auch mit Entscheidungen, die in Europa getroffen werden.
Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob wir helfen können. Die entscheidende Frage lautet:
Wollen wir helfen?
Viele Länder mit deutlich weniger Wohlstand übernehmen seit Jahrzehnten Verantwortung für Menschen auf der Flucht. In einem der reichsten Länder der Welt hingegen dominieren zunehmend Debatten über Abschottung und Ausgrenzung.
Gerade deshalb war der Weltflüchtlingstag 2026 ein wichtiges Zeichen.
Ein Zeichen dafür, dass hinter jeder Fluchtgeschichte ein Mensch steht.
Mit einer Geschichte. Mit Verlusten. Mit Hoffnungen.
Und mit dem gleichen Wunsch wie wir alle: In Würde und Sicherheit leben zu können.