Veranstaltungsbericht | Fachtagung Faire Arbeitsmigration: Demografisches Echo bedroht Versorgung und Wirtschaftskraft in Sachsen-Anhalt

Am 2. Oktober 2025 fand im HKK Kongress- und Tagungshotel Wernigerode die Fachtagung „Arbeitsmigration – Perspektiven, Realitäten und globale Verantwortung“ des EINE WELT Netzwerks Sachsen-Anhalt e.V. in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung statt. Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und internationalen Partnern setzten sich mit den komplexen Herausforderungen und Chancen der Arbeitsmigration auseinander.

Im Zentrum stand die Frage, wie Fachkräftemigration gestaltet werden muss, damit für alle Beteiligten eine Win-Situation entsteht – für Aufnahmeländer, entsendende Länder sowie für Migrant:innen selbst. Neben Staatssekretärin Stefanie Pötzsch vom Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt, die ein Grußwort sprach, nahm eine Delegation von der SHD Corp. aus Vietnam an der Fachtagung teil und brachte die Sicht des Globalen Südens aktiv mit in die Diskussion ein.

Bei der Fachtagung wurden auch die Herausforderungen und Risiken, mit denen Sachsen-Anhalt und insbesondere der ländlichen Regionen konfrontiert sind, in aller Schärfe dargestellt. Das Zusammenspiel von rückläufiger Bevölkerung, steigender Alterung und begrenztem Investitionsspielraum bedroht die Stabilität der Region. Insbesondere die Spitzen- und Versorgungsfunktionen (Gesundheitswesen, Dienstleistungen, Nahversorgung) werden zunehmend zu Engpassbereichen.

Fachkräftemigration ist keine Option – sie ist dringend notwendig

Angesichts dieser dramatischen Prognosen warnte Landrat Thomas Balcerowski eindringlich: Um den wirtschaftlichen Wohlstand Sachsen-Anhalts und des Landkreises Harz zu sichern, sei die Zuwanderung von Fachkräften unerlässlich. Politische Forderungen nach einer Rückführung Zugewanderter bergen dagegen die Gefahr, dass das Land in zentralen Wirtschafts- und Sozialstatistiken vom vorletzten auf den letzten Platz abrutsche. Selbst der Landkreis Harz, bislang eine wirtschaftlich erfolgreiche Region mit geringer Arbeitslosigkeit, hohem Pro-Kopf-Einkommen und starken Gewerbesteuereinnahmen, stünde damit vor einem deutlichen Abwärtstrend, betonte der Chef der Kreisverwaltung. Unbegrenzte oder unstrukturierte Zuwanderung berge zwar Risiken, aber gleichzeitig würde ohne geregelte Zuwanderung die Region ihren fundamentalen Lebensnerv verlieren. Aktuelle Beispiele der Auswirkungen von Personalmangel sind das limitierte Angebot der Harzer Schmalspurbahn sowie die Aufgabe des Brockenwirts. Für gesteuerte Zuwanderung müsse die Verwaltung Rahmenbedingungen von der Politik gestellt bekommen. Dann gelänge es auch, die positiven Beispiele von Integration, die es schon zahlreich gebe, weiter zu vervielfältigen.

In der Podiumsdiskussion wurde festgestellt, dass Sachsen-Anhalt immer mehr zum Transitland werde. Egal ob Arbeitsmigrant:innen oder geflüchtete Menschen – sobald zugezogene Menschen eine Qualifikationsstufe erreicht haben und am Arbeitsmarkt teilhaben können, verlassen sie zu häufig das Land. Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Menschen, die der Zuwanderung gegenüber positiv gegenüber eingestellt sind, zunehmend. Dabei ist Sachsen-Anhalt bereits das Bundesland mit der geringsten Anzahl ausländischer Beschäftigter und insgesamt Migrant:innen. Fachkräftemigration und gesellschaftliche Integration müssen deshalb Hand in Hand gehen. Die Gesellschaft und die Zivilgesellschaft seien hier gefragt. Migration ist kein Erfolg, wenn Zugewanderte sich sozial isoliert fühlen, kein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln, Diskriminierung und Rassismus erfahren und das Land aufgrund dessen trotz Qualifikation wieder verlassen.

Auch die aktuelle Studie „Willkommen zurück?“ der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt die kritische Dynamik: Viele Zugewanderte wandern innerhalb von wenigen Jahren wieder ab – insbesondere, wenn soziale Teilhabe, familiäre Perspektiven oder Wertschätzung fehlen. Die Studie beziffert, dass zwischen 2015 und 2022 über 7 Mio. Zugewanderte Deutschland wieder verlassen haben – ein deutliches Indiz dafür, dass Zuwanderungspolitik langfristig gedacht sein muss.

Der Journalist Sascha Lübbe erinnerte in seinem Impulsvortrag daran:
„Unzählige Arbeitsmigrant:innen arbeiten auf deutschen Baustellen, in Schlachthöfen, als Lkw-Fahrer oder als Reinigungskräfte in Hotels und Firmen. Sie sichern unseren Wohlstand – oft unter prekären Bedingungen und systematischer Ausbeutung.” Die Frage, die sich hier stelle, sei, inwieweit die Politik und Gesellschaft dazu beigetragen haben, dieses System zu manifestieren.

Dr. Andreas Wulf (Medico International) wies am Beispiel der Pflege darauf hin, dass Zuwachs fast ausschließlich über Migration erfolge – meist gesteuert durch private Agenturen ohne verpflichtende Standards. Entwicklungsfreundliche Ansätze zur Kompensation in den Herkunftsländern müssten deutlich gestärkt werden.

Appell und Forderungen: Für eine gesteuerte, faire Fachkräftemigration

In Sachsen-Anhalt treffen zwei Strömungen aufeinander: Eine stark schrumpfende und alternde Bevölkerung sowie historische Versorgungsstrukturen, die bereits jetzt unter Druck stehen. Ohne entschlossene Maßnahmen drohen ökologische und infrastrukturelle Verschiebungen: weniger wohnortnahe Gesundheitsversorgung, Wegfall lokaler Dienstleistungen, steigende Fahrt- und Zeitkosten für die Bürger:innen. Im Rahmen der Fachtagung kristallisierten sich konkrete Handlungsfelder heraus, um das drohende Versorgungsvakuum und den wirtschaftlichen Abstieg zu vermeiden:

1. Gezielte Steuerung der Zuwanderung
Nur wenn Aufnahmeprozesse planvoll gestaltet werden – mit klaren Kriterien, verlässlichen Aufenthaltsoptionen und Karriereperspektiven – kann Fachkräftemigration nachhaltig wirken.

2. Integration über Arbeit hinaus stärken
Zugewanderte müssen Zugang zu Sprache, gesellschaftlicher Teilhabe, Wohnraum und Netzwerken erhalten. Arbeitsmarktteilhabe allein reicht nicht aus, wie Dr. Körner und die FES-Studie „Willkommen zurück?“ zeigen.

3. Regionale Vernetzung über einen „Runden Tisch“
Es soll ein dauerhafter Runder Tisch eingerichtet werden, der Region, Kommunalpolitik, Wirtschaft, Gesundheitswesen, Bildung und Zivilgesellschaft zusammenbringt und insbesondere Unternehmen bei der Aufnahme von Fachkräften aus dem Ausland unterstützt.

4. Langfristige Bindung und Rückgewinnung fördern
Menschen, die Deutschland kennen und Fachkenntnisse mitbringen, sind ein wertvolles Potenzial, das gezielt aktiviert und gehalten werden muss.

5. Investitionen sichern – kommunale Handlungsspielräume stärken
Ohne ausreichende Mittel für Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Standortentwicklung verblassen Chancen, auch Zuwanderung als Gewinn zu realisieren.

Esther Malhotra, Regionalpromotorin des EINE WELT Netzwerks Sachsen-Anhalt und Organisatorin der Fachtagung, zieht das Fazit, dass Fachkräftemigration nicht als Alibi dienen darf, um strukturelle Herausforderungen zu ignorieren – sie ist jedoch eine unverzichtbare Bausteinstrategie. Nur mit gesteuerten Konzepten, sozialer Integration und konsequenter regionaler Kooperation kann Sachsen-Anhalt und insbesondere die ländlichen Regionen seinen Wohlstand wahren und seine Infrastruktur sichern.

Während sie in der Eröffnungsrede betonte, dass die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte aus den Herkunftsländern die Entwicklung im Globalen Süden erheblich beeinträchtigen und die dortige Versorgungssituation verschärfen kann, machte die Fachtagung deutlich, dass die Ablehnung von Arbeitsmigration in Sachsen-Anhalt selbst zu ähnlich gravierenden Folgen führen würde – nämlich zu einem Verlust an Wohlstand, Fachkompetenz und gesellschaftlicher Stabilität. “Möglichkeiten, Fachkräftemigration lokal und global fair zu gestalten, sind gegeben – aber sie erfordern Mut, Planung und politische Entschlossenheit”, so Malhotra.

Zahlreiche Teilnehmende besuchten die Fachtagung Faire Arbeitsmigration des EINE WELT Netzwerks Sachsen-Anhalt. Foto: Esther Malhotra
Esther Malhotra
Regionalpromotorin Harz, Salzlandkreis, südliche Börde
Dachverein Reichenstrasse e.V.
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