Am 25. Februar 2026 fand in den Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale) der 6. Runde Tisch Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in Sachsen-Anhalt statt. Die Veranstaltung wurde von der Arbeitsgruppe BNE des Bündnisses Nachhaltigkeit Sachsen-Anhalt (BÜNSA), dem Netzwerk Zukunft Sachsen-Anhalt e.V., dem Friedenskreis Halle e.V., der Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Sachsen-Anhalt e.V., dem Peißnitzhaus e.V., der Koordinierungsstelle für Bildung und nachhaltige Entwicklung des Landes Sachsen-Anhalt im MWU, dem Bischöflichen Hilfswerk MISEREOR e.V. und dem EINE WELT Netzwerk Sachsen-Anhalt e.V., in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt und dem Bündnis StrukturWandeln organisiert. Mit circa 85 Anwesenden brachte die Veranstaltung zahlreiche Akteur:innen aus Zivilgesellschaft, Bildungsarbeit, Verwaltung und Wissenschaft zusammen. Ziel war es, aktuelle Entwicklungen im Bereich BNE zu diskutieren, Praxisperspektiven auszutauschen und Vernetzung zu stärken.
Konfliktorientierte Perspektiven auf BNE
Den inhaltlichen Auftakt gestaltete Hannah Butterer von der Universität Siegen mit einem Beitrag zum Thema „Konfliktorientierte Bildung für nachhaltige Entwicklung: BNE zwischen Individualisierung und Gesellschaftsanalyse“. Sie gab zunächst einen Einblick in zentrale Begrifflichkeiten der BNE sowie in die historische Entwicklung des Diskurses um nachhaltige Entwicklung.
Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive begründete sie, warum es lohnend ist, BNE konfliktorientiert zu denken. Anhand von Zielkonflikten innerhalb der globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) zeigte sie auf, dass Nachhaltigkeit keineswegs ein widerspruchsfreies Konzept ist. Kritisches Nachdenken über Transformation und Nachhaltigkeit könne neue Konflikte sichtbar machen – und genau diese sollten in der Bildungspraxis aufgegriffen werden. Gerade vor dem Hintergrund, dass es weltweit verschiedene Bestrebungen von Regierungen gibt, die Nachhaltigkeitsziele zu untergraben und BNE-Teilnehmende zunehmend die Relevanz von BNE angesichts anderer Sorgen hinterfragen, plädierte sie dafür, Spannungsfelder nicht zu übergehen, sondern produktiv in Bildungsprozesse einzubinden.
Der neue Orientierungsrahmen Globale Entwicklung
Im zweiten Input stellte Marcus Römer, Projektleitung Grundsatz BNE in der Abteilung Schulische Bildung bei Engagement Global, den neuen Orientierungsrahmen Globale Entwicklung vor.
Er skizzierte die Historie, Grundlagen und Entstehungsbedingungen des Dokuments, das mit rund 800 Seiten und der Beteiligung von 154 Autor:innen einen umfassenden Referenzrahmen für die Verankerung von BNE im Bildungsbereich darstellt. Besonders hervorgehoben wurde der partizipative Entstehungsprozess, in dem auch die Perspektiven von Schüler:innen und Stimmen der Zivilgesellschaft Berücksichtigung fanden. Als inhaltlicher Bezugspunkt wurde insbesondere das Nachhaltigkeitsziel 4.7 benannt, das Bildung für nachhaltige Entwicklung als eigenständiges Handlungsfeld definiert. Der Orientierungsrahmen versteht sich als Beitrag dazu, BNE strukturell und curricular im Bildungssystem zu stärken.
Projektekarussell: Praxisbeispiele aus Sachsen-Anhalt
Im anschließenden Projektekarussell präsentierten verschiedene Initiativen ihre Arbeit. Vorgestellt wurden „Dr. Data“ (Science2Public), „RiverCheck + Flussgesundheit“ (Make Science), „Klimafalter Schulen“ (Deutsche Umwelthilfe), das „StrukturWandelnbündnis“ (Netzwerk Zukunft Sachsen-Anhalt), „BNE in der Lehrer:innenbildung“ (Universität Halle) sowie das „Saatgutfestival“ (Heinrich-Böll-Stiftung und Umweltbildung Peißnitzhaus).
Die Vielfalt der Projekte verdeutlichte die Bandbreite von BNE in der Praxis – von Umweltbildung über zivilgesellschaftliches Engagement bis hin zu strukturellen Transformationsprozessen.
Arbeitsphase und Offener Austausch
Am Nachmittag fanden Arbeitsgruppen statt. So konnten sich die Teilnehmenden im Workshop mit Hannah Butterer vertiefend mit der „Konfliktorientierten Bildung für nachhaltige Entwicklung“ beschäftigen. Anhand von Materialien, die ethnografisch in Form von teilnehmenden Beobachtungen erhoben wurden, wurde verdeutlicht, wie Lernende auf die BNE-Praxis reagieren. Dies wurde zum Anlass genommen, gemeinsam über die eigene Bildungspraxis zu reflektieren und darüber nachzudenken, wie BNE und politische Bildung bzw. Demokratiebildung stärker zusammen gedacht werden können.
Weitere Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit den Themen „BNE und die Wahlen 2026 in Sachsen-Anhalt“ (Rebecca Plassa, Geraldine Mormin, beide Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt e.V.) sowie „Vorstellung des neuen Orientierungsrahmens für den Lernbereich Globale Entwicklung“ (Marcus Römer, Engagement Global).
Die Arbeitsgruppe „Offener Austausch“ wurde von Christopher Isensee vom EINE WELT Netzwerk Sachsen-Anhalt e.V. geleitet. In dieser Runde wurde deutlich, wie vielfältig die Themen- und Handlungsfelder der BNE sind. Die Teilnehmenden diskutierten zentrale Spannungsfelder ihrer Arbeit: fehlende Wertschätzung und Bekanntheit von BNE, Herausforderungen bei der Gewinnung von Kooperationspartner:innen, Unsicherheiten hinsichtlich Förderbedingungen sowie wahrnehmbare Verschiebungen gesellschaftlicher Diskurse.
Die Teilnehmenden sprachen außerdem intensiv über die Bereiche, die zur BNE dazugehören, wie Globales Lernen, Umweltbildung und politische Bildung. Zugleich wurde betont, dass die Einbeziehung neuer Perspektiven und Themen in die eigene Praxis die Gefahr von Überforderung mit sich bringen kann, jedoch auch Chancen für Weiterentwicklung bietet, persönlich als auch im Zusammenhang aktueller gesellschaftlicher Diskurse. An dieser Stelle wurde auf ein Zitat von Vaclav Havel aufmerksam gemacht: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Fazit
Der 6. Runde Tisch BNE in Sachsen-Anhalt bot eine wichtige Plattform für fachlichen Austausch, kritische Reflexion und Vernetzung. Insbesondere die konfliktorientierte Perspektive auf BNE sowie die Vorstellung des neuen Orientierungsrahmens Globale Entwicklung setzten inhaltliche Impulse für die weitere Arbeit im Land. Die Veranstaltung bot die Möglichkeit, aktuelle Herausforderungen aus der Praxis sichtbar zu machen, Akteur:innen zu vernetzen und zur Weiterentwicklung der BNE-Strukturen in Sachsen-Anhalt beizutragen.