Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist eine politische Zäsur. Die AfD erreicht nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis 43,8 Prozent der Zweitstimmen und wird mit großem Abstand stärkste Kraft. Die Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent zeigt zugleich: Die Menschen in Sachsen-Anhalt sind politisch mobilisiert.
Dieses Ergebnis verlangt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Land. Es darf jedoch kein Anlass sein, rassistische Narrative zu übernehmen oder Menschen zu Sündenböcken für politische und soziale Probleme zu machen.
Die Herausforderungen Sachsen-Anhalts sind real. Aber Migration ist nicht ihre Ursache.
Steigende Lebenshaltungskosten, Armut und soziale Unsicherheit beschäftigen viele Menschen. Es fehlen Ärzt:innen, Pflegekräfte und Lehrer:innen. Kommunen stehen unter finanziellem Druck, im ländlichen Raum fehlen Mobilitätsangebote und Begegnungsorte. Junge Menschen fragen sich, welche Perspektiven sie in ihrer Region haben.
Diese Probleme brauchen politische Antworten. Sie verschwinden nicht, wenn Migration zur universellen Krisenerklärung gemacht wird.
Wir alle stehen vor einer entscheidenden Frage: Wie wollen wir hier künftig leben, arbeiten, lernen und ihre Zukunft gestalten?
Unser Land braucht Fachkräfte, Familien, junge Menschen, Wissenschaftler:innen, Unternehmer:innen und engagierte Bürger:innen. Viele von ihnen haben internationale Familiengeschichten. Bereits heute tragen zehntausende Menschen mit internationaler Geschichte dazu bei, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen funktionieren, Unternehmen produzieren, Schulen arbeiten und Kommunen lebendig bleiben.
Eine Politik, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Namens, ihrer Religion oder ihrer Migrationsgeschichte ausgrenzt, ist nicht nur menschlich falsch. Sie ist auch politisch kurzsichtig und wirtschaftlich kontraproduktiv.
Wir warnen vor einem hausgemachten Brain- und Care-Drain: Wenn Fachkräfte, Menschen in Sorgeberufen, Studierende und junge Familien Sachsen-Anhalt verlassen oder sich bewusst gegen unser Land entscheiden, weil sie Ausgrenzung und Rassismus erleben, verschärfen wir genau jene Probleme, für die heute vermeintlich einfache Lösungen angeboten werden.
Als EINE WELT Netzwerk Sachsen-Anhalt stehen wir für ein Sachsen-Anhalt, das seine Zukunft nicht durch Abgrenzung, sondern durch Zusammenarbeit gestaltet. Für ein Land, das globale Zusammenhänge versteht, internationale Perspektiven einbezieht und Vielfalt als gesellschaftliche Realität und Ressource begreift.
Demokratie, politische Bildung und Globales Lernen sind dabei keine Nebensache. Sie schaffen Räume, in denen Menschen unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, Widersprüche aushalten, Zusammenhänge verstehen und gemeinsam nach Lösungen suchen können.
Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung braucht Sachsen-Anhalt solche Räume – in Schulen, Kommunen, Vereinen, Jugendgruppen und überall dort, wo Menschen ihr Gemeinwesen gestalten.
Deshalb fordern wir von der zukünftigen Landesregierung und den demokratischen Fraktionen:
- Bildung und politische Bildung zu stärken. Gute Schulen, ausreichend Lehrkräfte, Demokratiebildung und Globales Lernen müssen dauerhaft und verlässlich finanziert werden. Wer Demokratie stärken will, muss Menschen befähigen, sich einzumischen und Verantwortung zu übernehmen.
- Soziale Sicherheit und kommunale Infrastruktur zu sichern. Armut, ungleiche Lebensbedingungen und fehlende Perspektiven dürfen nicht durch Debatten über Herkunft und Migration verdeckt werden. Kommunen, Jugendangebote, Begegnungsorte, Kultur und soziale Einrichtungen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen.
- Eine Politik zu gestalten, in der Menschen willkommen sind und bleiben können. Fachkräftegewinnung funktioniert nicht ohne eine glaubwürdige Willkommenskultur. Menschen vor Rassismus und Diskriminierung zu schützen, ist deshalb auch eine Frage der Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
- Zivilgesellschaft nicht zu schwächen, sondern zu stärken. Vereine, migrantische und diasporische Organisationen, Bildungsinitiativen und Beratungsstellen leisten unverzichtbare Arbeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie brauchen politische Rückendeckung und verlässliche Förderung statt permanenter Existenzunsicherheit.
- Sachsen-Anhalt international offen und vernetzt zu halten. Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur, Entwicklungszusammenarbeit und Zivilgesellschaft profitieren vom internationalen Austausch. Ein weltoffenes Sachsen-Anhalt ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für seine gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit.
Als EINE WELT Netzwerk Sachsen-Anhalt werden wir unsere Arbeit deshalb nicht zurückfahren. Im Gegenteil: Wir werden weiterhin für Menschenrechte, globale Gerechtigkeit und Demokratie eintreten, migrantische und diasporische Perspektiven sichtbar machen und diejenigen miteinander verbinden, die an einem offenen und solidarischen Sachsen-Anhalt arbeiten.
Diese Verantwortung muss auch die zukünftige Landesregierung übernehmen:
Verantwortung statt Ressentiment. Lösungen statt Sündenböcke. Investitionen in Menschen statt Politik auf dem Rücken von Minderheiten.