Kommentar zu „Dobrindt blockiert Integrationskurse: Migrationsbeauftragte Pawlik sieht ,unverantwortlichen‘ Vorstoß“, Frankfurter Rundschau vom 8.2.2026
Die Entscheidung, den Zugang zu Integrations- und Sprachkursen für tausende Geflüchtete faktisch zu blockieren, ist mehr als ein bürokratisches Problem – sie ist ein politischer, strategischer Akt mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen. Seit Ende 2025 bearbeitet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) keine Zulassungsanträge auf freiwillige Integrationskurs-Teilnahme mehr, obwohl gerade diese Kurse entscheidend sind, damit Menschen Deutsch lernen, in Arbeit kommen und sich in die Gesellschaft einbringen.
Sprache ist keine „Zusatzleistung“, sondern ein fundamentaler Schlüssel zur sozialen und wirtschaftlichen Teilhabe. Ohne Sprachkenntnisse bleibt Integration ein frommer Wunsch. Genau hier warnt der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR): In seinem jüngsten Positionspapier hebt der SVR hervor, dass Bildung und Sprachförderung zentrale Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe und Chancengerechtigkeit sind – sie müssen früh und barrierefrei zugänglich sein, um Armut zu verhindern und Potenziale zu nutzen.
Eine Politik, die genau diese Zugänge systematisch blockiert, widerspricht nicht nur dieser wissenschaftlichen Erkenntnis, sie ist auch politisch widersprüchlich. Denn Deutschland braucht qualifizierte Arbeitskräfte in vielen Bereichen – und diese braucht es mit Sprach- und Integrationskompetenz.
Aus Sicht des EINE WELT Netzwerks Sachsen-Anhalt (ENSA) gehört zu einer verantwortungsvollen Arbeits- und Integrationspolitik, Menschenrechte, Bildung und Teilhabe gleichrangig zu denken. Migration ist keine verwaltbare Ressource, sondern Teil einer sozialen Realität, die politische Weitsicht und menschenwürdige Rahmenbedingungen verlangt.
Esther Malhotra, Regionalpromotorin des Netzwerks und Trägerin des Integrationspreises Sachsen-Anhalt, fasst diesen Anspruch pointiert zusammen: Integration entsteht nicht durch Ausgrenzung, sondern dort, wo Menschen Sprache, Bildung und Mitbestimmung erhalten. Ohne diese Voraussetzungen bleibt Integration symbolisch und wird zur leeren Rhetorik.
Diese Sichtweise wird von Bundes-Integrationsbeauftragter Natalie Pawlik ausdrücklich unterstützt: In öffentlichen Aussagen zur Bedeutung von Integrationsarbeit betonte sie, dass Vielfalt, Teilhabe und gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht nur Ziele, sondern Grundpfeiler einer nachhaltigen Gesellschaft seien – und dass Bildung und Sprachkenntnisse dafür unverzichtbar sind.
Gerade in der aktuellen Debatte zeigt sich jedoch: Die politische Strategie vieler Entscheidungsträger geht in eine andere Richtung. Innenminister Dobrindt ist seit langem für eine harte Migrationslinie bekannt, in der Kontrolle, Begrenzung und Signalpolitik dominieren. Diese Haltung wird nun konkret durch das Ausbremsen von Integrationskursen sichtbar – und steht damit in direktem Widerspruch zu dem, was sowohl wissenschaftliche Kommissionen wie der SVR als auch zivilgesellschaftliche Akteur:innen wie ENSA als notwendige Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft empfehlen.
Es wäre naiv zu behaupten, politische Entscheidungen seien nie taktisch motiviert. In einer Zeit, in der migrationspolitische Themen in der öffentlichen Debatte stark polarisiert werden, kann die Blockade von Integrations- und Sprachkursen auch als Versuch verstanden werden, Wählerstimmen bei migrationskritischen Gruppen zu sichern, indem man den Eindruck erweckt, Migration und ihre Folgen „hart zu steuern“. Doch dieser politische Opportunismus kommt am Ende auf Kosten derjenigen, die hier leben, arbeiten und beitragen wollen – und am Ende auf Kosten unserer gesamten Gesellschaft.
Deutschland braucht eine Politik, die Integration fördert statt ausbremst, die wissenschaftliche Expertise ernst nimmt und die menschlichen wie wirtschaftlichen Potenziale nicht verspielt. Alles andere ist politischer Stillstand – mit hohen sozialen und ökonomischen Kosten.